1. New

Letzte Aktualisierung : Oktober 2017

Marcel Roelandts : « BUCHVORSTELLUNG : Dynamik, widersprüche und krisen des kapitalismus »

Profitrate und zyklische Krisen - USA, 1951 – 2018

[All] - EU 1951-2018 - Taux de profit & Crises cycliques

Profitrate und zyklische Krisen

Das Erwirtschaften eines Profits ist das Ziel und der Motor jeglicher Investition in die kapitalistische Wirtschaf : ein Kapitalaktionär wird nur investieren wenn er eine ausreichende Profitmasse und eine ausreichende Profitrate daraus zu ziehen erwartet : « Die Profitrate ist die treibende Macht in der kapitalistischen Produktion, und es wird nur produziert, was und soweit es mit Profit produziert werden kann. (…), soweit die Rate der Verwertung des Gesamtkapitals, die Profitrate, der Stachel der kapitalistischen Produktion ist (wie Verwertung des Kapitals ihr einziger Zweck)… » [1]. Sie mißt in etwa die endgültige Rentabilität der kapitalistischen Wirtschaft, denn sie schlägt den erzielten Profit um auf die angewandte Investition. Marx berechnet sie indem er den erzielten Mehrwert auf das investierte Gesamtkapital bezieht [2]. Wenn die Profitrate steigt (die Pfeile in der Grafik zeigen in die Höhe), prosperieren die Geschäfte, wenn sie sinkt (die Pfeile zeigen nach unten) schrumpfen sie und, wenn sie auf dem Tiefpunkt eines Zyklus des Steigens und Fallens steht oder diesen nähert (die Zirkel in der Grafik), bricht die Krise aus (die vertikalen grauen Stäbchen).

Diese hat übrigens zur Konsequenz die Ausbeutungsbedingungen der Lohnabhängigen zu verhärten und alle Elemente der produktiven Aktivität zu entwerten : die Löhne sinken in Folge des Ansteigens der Arbeitslosigkeit und das ‘Maschinenkapital’ (das konstante Kapital) entwertet sich in Folge der Pleiten, der unverkauften Waren, beziehungsweise der Liquidationen. Anders gesagt, indem der Zähler der Profitrate (der aus der Ausbeutung der Lohnabhängigen erheischte Mehrwert) erhöht wird, und der Nenner verringert (Entwertung der Maschinen und Senkung der Löhne), gestattet die Krise es der Profitrate sich wiederherzustellen. Ein neuer Produktionszyklus kann dann anfangen, bis zur nächsten Krise, und so weiter : « Die eingetretene Stockung der Produktion hätte eine spätere Erweiterung der Produktion – innerhalb der kapitalistischen Grenzen - vorbereitet. Und so würde der Zirkel von neuem durchlaufen. Ein Teil des Kapitals, das durch Funktionsstockung entwertet war, würde seinen alten Wert wiedergewinnen. Im Übrigen würde mit erweiterten Produktionsbedingungen, mit einem erweiterten Markt und mit erhöhter Produktivkraft derselbe fehlerhafte Kreislauf wieder durchgemacht werden » [3]. Der innere Krisenmechanismus schafft also, aus sich selbst, die Bedingungen die einen « erweiterten Markt », eine « erhöhte Produktivkraf » und « erweiterte Produktionsbedingungen » ermöglichen.

Das ist genau was uns die Grafik zeigt, in der jede Krise nach einem Zyklus des Ansteigens
Und des Fallens der Profitrate eintrit. Man darf also unterstellen, daß das Absinken der Profitrate seit 2013 die nächste Krise ankündigt [4]. Dieses eigenständige Ein- und Ausatmen der produktiven Aktivität, unterbrochen durch periodische Krisen, ist eine der schönsten Bestätigungen der Analyse die Marx erstellt hat auf der Grundlage seiner empirischen Wahrnehmungen und seiner theoretischen Arbeiten. Sie wird im „Anti-Dühring“ wie folgt zusammengefasst [5] : « In der Tat, seit 1825, wo die erste allgemeine Krisis ausbrach, geht die ganze industrielle und kommerzielle Welt, die Produktion und der Austausch sämtlicher zivilisierter Völker und ihrer mehr oder weniger barbarischen Anhängsel so ziemlich alle zehn Jahre einmal aus den Fugen. Der Verkehr stockt, die Märkte sind überfüllt, die Produkte liegen da, ebenso massenhaft wie unabsetzbar, das bare Geld wird unsichtbar, der Kredit verschwindet, die Fabriken stehen still, die arbeitenden Massen ermangeln der Lebensmittel, weil sie Zuviel Lebensmittel produziert haben, Bankrott folgt auf Bankrott, Zwangsverkauf auf Zwangsverkauf. Jahrelang dauert die Stockung, Produktivkräfte wie Produkte werden massenhaft vergeudet und zerstört, bis die aufgehäuften Warenmassen unter größerer oder geringerer Entwertung Endlich abfließen, bis Produktion und Austausch allmählich wieder in Gang kommen. Nach und nach beschleunigt sich die Gangart, fällt in Trab, der industrielle Trab geht über in Galopp, und dieser steigert sich wieder bis zur zügellosen Karriere einer vollständigen industriellen, kommerziellen, kreditlichen und spekulativen Steeplechase, um endlich nach den halsbrechendsten Sprüngen wieder anzulangen - im Graben des Krachs. Und so immer von neuem. Das haben wir nun seit 1825 volle fünfmal erlebt und erleben es in diesem Augenblick (1877) zum sechstenmal » [6].

Die Pertinenz dieser Analyse wird nicht nur durch alle zyklischen Krisen bezeugt die sich seit dem Zweiten Weltkrieg ereignet haben, wie unsere Grafik aufzeigt, doch mehr im Allgemeinen durch die Vierundzwanzig internationalen Krisen die der Kapitalismus seit beinahe zwei Jahrhunderte erlebt hat, [7] wenn wir 1825 festhalten als die erste allgemeine Krise des Kapitalismus : «  (…) die große Industrie trat selbst (…) aus ihrem Kindheitsalter heraus, wie schon dadurch bewiesen ist, daß sie erst mit der Krise von 1825 den periodischen Kreislauf ihres modernen Lebens eröffnet » [8]. Daraus ergibt sich ein durchschnittlicher Zyklus von ungefähr acht Jahren zwischen jeder Krise. Da die letzte 2008–2009 auftrat, müsste die nächste frühestens in diesem Jahr und spätestens 2018 eintreten.

Der zyklische Charakter der Kapitalakkumulation und ihrer Krisen seit zwei Jahrhunderten, sowie die nahezu perfekte Übereinstimmung der Entwicklung der Profitrate mit den Krisenausbrüchen, sollten zumindest diejenige erstaunen die sich, solcher Beweise zum Trotz, noch immer auf die luxemburgistische Analyse berufen, die bestätigt : « Die Formulierung des Kreislaufs der modernen kapitalistischen Industrie als einer zehnjährigen Periode war aber bei Marx und Engels in den 60er und 70er Jahren eine einfache Konstatierung der Tatsachen, die ihrerseits nicht auf irgendwelchen Naturgesetzen, sondern auf einer Reihe bestimmter geschichtlicher Umstände beruhten, die mit der sprungweisen Ausdehnung der Wirkungssphäre des jungen Kapitalismus in Verbindung standen. (…) Daß jene internationalen Krisen sich gerade alle zehn Jahre wiederholten, ist an sich eine rein äußerliche, zufällige Erscheinung » [9] und «  (…) der Trost wird leider durch einen einzigen Satz von Marx in Dunst aufgelöst, nämlich durch den Hinweis, daß « für große Kapitale der Fall der Profitrate durch Masse aufgewogen » werde. Es hat also mit dem Untergang des Kapitalismus am Fall der Profitrate noch gute Wege, so etwa bis zum Erlöschen der Sonne » [10]. Daß es im Verlauf von zwei Jahrhunderten Kapitalismus vierundzwanzig internationale Krisen gegeben hat, die so eng korrelieren mit der Entwicklung der Profitrate, hat nichts von « einer rein äußerlichen, zufälligen Erscheinung », und dies desto weniger als diese Korrelation in allen Punkten mit der Analyse Marxens im Kapital übereinstimmt. Ebenfalls werden die Unterstellungen Luxemburgs vom Ausgleich des Falls der Profitrate durch die Profitmasse für die großen Kapitalisten kaum bestätigt.

__________________________________________________________

[1] Karl Marx, Das Kapital, 3. Band, 3. Abschnitt : Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate ; 15. Kapitel : Entfaltung der innern Widersprüche des Gesetzes, III., resp. I. (M.E.W. Band 25, S. 269 ; S. 251).

[2] In einfacher Sprache : Profit / Gesamtkapital = Profit / (Löhne + Maschinenkapital) oder : Mehrwert / (variables Kapital + konstantes Kapital) - in marxistischer Ausdrucksweise.

[3] Karl Marx, Das Kapital, 3. Band, Ebenda, III. (M.E.W. Band 25, S. 265)

[4] Wir haben hier das Beispiel der Vereinigten Staaten von Amerika angeführt, weil dieses Land seit mehr als einem Jahrhundert die herrschende Wirtschaf bleibt, seinem Machtverlust seit den 1970er Jahren zum Trotz. Es ist deshalb oft der Ort des Krisenausbruchs auf internationaler Ebene (denken wir an die Krise von 1929 oder an die Krise der „Subprimes“ von 2008 bis 2009). Eine internationale Wirtschafskrise berührt unvermeidbar die Vereinigten Staaten und eine Krise in diesem Land berührt faktisch die Weltwirtschaf. Mit einigen Ausnahmen, wie Indien Und China zum Beispiel, sind die in diesem Beitrag beschriebenen Entwicklungen gültig für den größten Teil der Weltwirtschaft.

[5] Friedrich Engels, HERRN EUGEN DÜHRING'S UMWÄLZUNG DER WISSENSCHAFT (1878, 1885, 1894). Dieses von Engels unterzeichnete Werk ist in Wirklichkeit zusammen mit Marx verfaßt, diskutiert und geschrieben worden : « Ich bemerke nebenbei : Da die hier entwickelt Anschauungsweise zum weitaus größern Teil von Marx begründet und entwickelt worden, und nur zum geringsten Teil von mir, so verstand es sich unter uns von selbst, daß diese meine Darstellung nicht ohne seine Kenntnis erfolgte. Ich habe ihm das ganze Manuskript vor dem Druck vorgelesen, und das zehnte Kapitel des Abschnitts über Ökonomie (»Aus der ’Kritischen Geschichte’«) ist von Marx geschrieben und mußte nur, äußerlicher Rücksichten halber, von mir leider etwas verkürzt werden. Es war eben von jeher unser Brauch, uns in Spezialfächern gegenseitig auszuhelfen » Friedrich Engels, Vorwort zur 2. Deutschen Aufage, 23. September 1885.

[6] Friedrich Engels, HERRN EUGEN DÜHRING'S UMWÄLZUNG DER WISSENSCHAFT ; Dritter Abschnitt – Sozialismus ; II. Theoretisches. (M.E.W. Band 20, S.257).

[7] 1825, 1836–39, 1847–48, 1857, 1864–66, 1873, 1882–84, 1890–93, 1900–03, 1907, 1911–13, 1918–21 (1923 in Deutschland), 1929–32, 1937–38, 1948–49, 1952–54, 1957–58, 1966–67, 1970–71, 1974–75, 1980–82, 1990–91, 2001, 2008–09.

[8] Karl Marx, NACHWORT ZUR 2. DEUTSCHEN AUFLAGE DES KAPITAL, 24. Januar 1873 ; Das Kapital, 1. Band (M.E.W. Band 23, S. 20).

[9] Rosa Luxemburg, REFORM ODER REVOLUTION (1889) Erster Teil ; 2. Anpassung des Kapitalismus. Nachder 2. Aufage von 1908. (Gesammelte Werke, Band 1, 1/2, S. 383, 384).

[10] Rosa Luxemburg, DIE AKKUMULATION DES KAPITALS ODER WAS DIE EPIGONEN AUS DER MARXSCHEN THEORIE GEMACHT HABEN – EINE ANTIKRITIK. Erste postume Veröfentlichung : Frankes Verlag G.m.b.H., Leipzig, 1921. (Gesammelte Werke, Band 5, S. 446, Fußnote).

.

Top of page

Dynamik, widersprüche und krisen des kapitalismus

Couverture - Dynamiques, contradictions et crises du capitalisme

.

Top of page

Profitrate – Mehrwertrate – Zusammensetzung des Kapitals, USA, 1951 – 2016

[All] - EU 1951-2016 - Taux de profit - Taux de plus-value - Composition du capital

.

Top of page